Coburg
Objekt: Kirchhof St. Moriz
 
 
  Zeitraum/Dauer: 12. Juni 2001 bis zum 20. August 2001, mit bauseits bedingten Unterbrechungen von ca. 4 Wochen  
 
  Fragestellung: Suche nach der Siedlungszelle Coburgs, der sog. "Trufali-Stadt"  
 
  Auftraggeber: Stadt Coburg/Bauamt  
 
  Wissenschafliche Betreuung: Bayer. Landesamt f. Denkmalpflege/Außenstelle f. Oberfranken, 96117 Memmelsdorf/Schloß Seehof  
 
  Örtliche Grabungsleitung: Claus Vetterling/Stefan Wolters  
 
  Ergebnisse/Besonderheiten:

Anlässlich der Neugestaltung des Kirchenvorplatzes und der Pfarrgasse südlich des Chores der Morizkirche, wurden in der Coburger Innenstadt archäologische Ausgrabungen und baubegleitende Befundaufnahmen durchgeführt, die vollständig von der Stadt Coburg finanziert wurden.

Durch die überaus gute Zusammenarbeit mit dem Tiefbauamt Coburg, namentlich mit den Herren Knoch und Löhnert, und dem flexiblen Einlenken auf archäologische Belange seitens der ausführenden Baufirma konnten in diesem stadtgeschichtlich wichtigen Bereich in relativ kurzer Zeit und mit angemessenem Aufwand beachtenswerte und unerwartete Erkenntnisse zur frühesten Coburger Vergangenheit gewonnen werden.

Neben dem modernen Stadtplan fand bei der Bearbeitung der Grabungsergebnisse auch der historische Plan des Justinus Bieler von 1697 eine Berücksichtigung, waren doch die dort verzeichneten Bauwerke eine Grundlage des neuzugestaltenden Brunnens und somit seine mögliche Verifizierung ein Anliegen der aktuellen Ausgrabung.

Ergebnisse: Kirchhof: Hier, vor dem Kirchenportal, wo sich die Untersuchung auf das Baustellenniveau beschränkte, war der augenfälligste Befund der dicht belegte Bestattungshorizont des 14.-15. Jahrhunderts. Die Erstreckung des Friedhofes von St. Moriz bis vor die Kirche konnte an dieser Stelle erstmals einwandfrei belegt werden. Neben zahlreichen gestörten und umgelagerten Skeletten, herrührend aus der langen Belegungszeit des Friedhofes, wiesen alle intakten Bestattungen eine gestreckte Rückenlage in O-W-Orientierung mit im Schoß gekreuzten Händen auf. Wie die Zeitstellung erwarten ließ, gab es keine Beigaben und lediglich Sargspuren und metallene Haken- und Ösenverschlüsse der Totenhemden begleiteten die Bestattungen Es waren Männer, Frauen und Kinder nahezu aller Altersstufen im Skelettmaterial vertreten, wobei jedoch ein deutlicher Überhang an Kinderbestattungen auf der untersuchten Fläche festzustellen war. Hervorzuheben ist die Bestattung einer Frau mit Säugling in den auf der Brust gekreuzten Armen. Die Grabgrube und die Füße der Bestatteten lagen auf dem Fundamentvorsprung des Nordturmes der Kirche auf, woraus sich schließen lässt, dass die Tote nach 1450, dem Baubeginn des Turmes, dorthin gebettet wurde. Ob die Tatsache, dass in der Grabfüllung große Mengen Bauschutt enthalten waren bedeutet, dass sie zwischen 1450 und 1456, also in der Bauzeit bestattet wurde, sei dahingestellt.

Eine am Westabschluss der Grabungsfläche festgestellte schmale Mauerausbruchsgrube könnte als Sockel des um 1500 erwähnten "eisernen Geschränkes" gedient haben, quasi als Friedhofseingrenzung. Sie ist jedoch in ihrer Funktion nicht einwandfrei zu bestimmen.

In einem modernen Leitungskanal ließ sich abschließend erkennen, dass der Bestattungshorizont vor der Kirche noch 60-80 cm tief unter das Bauniveau hinabreicht.

Pfarrgasse: Während der Baubegleitung entlang der Pfarrgasse war der bereits bekannte Bestattungshorizont des 14.-15. Jahrhunderts an der Südseite der Kirche zu beobachten. Die Gräber wiesen einen unterschiedlich starken Zerstörungsgrad auf, der teils von den Umbauarbeiten des späten Mittelalters und größtenteils von den Kanalisierungs- und Leitungsarbeiten des 20. Jahrhunderts herrührte. Vor dem Anwesen Pfarrgasse 3 konnte bei den Baggerarbeiten im stark gestörten Leitungsbereich eine größere Keramikscherbe geborgen werden, die möglicherweise ins 7.-8. Jahrhundert zu datieren ist. Ihre Größe und die relativ scharfen Bruchkanten sprechen gegen eine häufige Verlagerung, doch muss die Scherbe als sog. Lesefund gewertet werden.

Pfarrgasse/Höhe Chor von St. Moriz: Im Untersuchungsbereich südlich des Chores traten unter den modernen Bodenbelägen großflächig Auffüll- und Planierschichten zutage. Das gesamte Material war durchsetzt mit den Resten gestörter Bestattungen und Bauschutt- und Keramikmaterial des 17.-18. Jahrhunderts. An einigen Stellen reichte der ungestörte Bestattungshorizont des 15. Jahrhunderts jedoch auch bis knapp unter die modernen Deckschichten. Auf der Planierung fanden sich die nur schlecht wahrnehmbaren Abdrücke schwach fundamentierter Sandsteinstützen. Sie könnten nach Lage und Ausrichtung ein Hinweis auf den hochgelegenen "Herrschaftlichen Kirchgang" des 17. Jahrhunderts sein.

In der Osthälfte der untersuchten Fläche konnte unmittelbar unter der neuzeitlichen Pflasterung ein Teil des Baubestandes des Bielerplanes von 1697 aufgedeckt und dokumentiert werden. So fanden sich wahrscheinlich die nördliche Torwange und der Innenraumestrich der sog. Leibknechtswerkstatt. Die Bezeichnung und Lage dieser Gebäude sind dem Bielerplanes als farbige Bauphasenkarte entnommen, die dem Buch "Grabungsmuseum Kirchhof" beigegeben ist.

Möglicherweise kann die Mauer Befund 28 als die westliche Abschlusswand des Propsteigebäudes mit den Stallungen angesprochen werden. Die Propsteimauer aus vermörtelten großen Sandsteinquadern hielt noch eine besondere Überraschung parat, war in sie doch eine Spolie, also ein wiederverwendetes Architekturteil der Vorgängerkirche von St. Moriz sekundär verbaut. Das Fundament barg einen über 1,80m langen Sandsteinblock, der auf seiner ehemaligen Oberfläche zwei sorgfältig eingemeißelte runde Becken aufwies. Der Stein stellte sich als Lavarium oder Piscina heraus, dem Bereich in der Südwand des Chores, wo das liturgische Gerät rituell gereinigt wurde. Da das mit den geweihten Gegenständen in Berührung gekommene Wasser nicht profan entsorgt werden durfte, wies zumindest ein Becken einen Abfluss auf, um das Wasser gesondert aufzufangen. Ein gutes Vergleichsstück findet sich in der Michaelskapelle des Kloster Ebrach und wird hier in das ausgehende 12. und frühe 13. Jahrhundert datiert. Für Coburg könnte das Lavarium einen der wenigen Reste der romanischen Vorgängerkirche von St. Moriz repräsentieren. Postuliert man, dass dieses Bauteil anlässlich des Chorneubaues im 14. Jahrhundert entnommen und in der Propstei wiederverwendet wurde, erhält man einen indirekten Hinweis auf die Bauzeit dieses Bereiches des Propsteigebäudes. Er wäre demzufolge etwas jünger als die eigentliche Kapelle.

Die Mauer der Propstei ruhte auf einem Nord-Süd verlaufenden Mauerzug, der ohne Mörtel in Lehm gesetzt war und dessen Steine größtenteils hochkant und schräg geschichtet waren. Dieser Mauerzug wurde vom spätmittelalterlichen Bau als Fundament genutzt, zog aber darüber hinaus bis an den heutigen Baubestand des Dekanats, wo er vom Keller dieses Gebäudes abgeschnitten wird. Die Mauer mit einer Breite von bis zu 1,40m ist schwer zu datieren und zu interpretieren. Ihre Bauweise rückt sie in die zeitliche Nähe zu vergleichbaren ottonischen Mauern und auch das spärliche keramische Material gehört offenbar in die Zeit um das Jahr 1000 oder kurz danach.

Ob es sich bei der Mauer, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wehrhaften Charakter besaß, um eine älteste Stadtmauer oder eine Umwehrung eines bisher nicht näher zu bestimmenden (mglw. königlichen) Besitzes handelt, kann beim derzeitigen archäologischen Kenntnisstand nicht entschieden werden.

Den in Lehm gesetzten Mauerzug begleiten einige nicht näher zu definierende, mächtige teilweise tief eingegrabene Pfostenlöcher, die, wie auch eine vergesellschaftete Grube, chronologisch identisches Keramikmaterial enthielten. Möglicherweise könnten sie als Reste des zugehörigen Baugerüstes interpretiert werden. Eine Deutung der Pfosten als hölzerner Vorgänger zur Mauer kann wohl ausgeschlossen werden, sollte aber bei zukünftigen Untersuchungen berücksichtigt werden.

Während östlich der beschriebenen Mauer keinerlei Bestattungen beobachtet werden konnten, fanden sich westlich davon ab Unterkante der Planierungen größtenteils ungestörte und dicht belegte Bestattungshorizonte des 13.-15. Jahrhunderts. Die lange Belegungsdauer führte natürlich auch in diesem Bereich zu erheblichen Überschneidungen. Auch war eine geschlossenen Abweichung der Grabausrichtung eines Belegungshorizontes feststellbar, deren Ursache wahrscheinlich in der Wegeführung oder sonstigen nicht belegbaren friedhofsinternen Gründen zu suchen ist. Ansonsten liegen die Skelette einheitlich Ost-West orientiert und mit leicht variierender Armhaltung von seitlich ausgestreckt bis im Schoß bekreuzt. Nicht alle wiesen Sargspuren auf und bei einem Großteil fanden sich die bereits bekannten Haken- und Ösenverschlüsse der Totenhemden, ansonsten jedoch keinerlei Beigaben oder Trachtbestandteile, auch nicht als sekundär verlagerte Streufunde in Grabgrubenfüllungen.

In den oberen Bestattungshorizonten schien ein etwas verschobenes Altersgefüge mit einem Überhang an Kinderskeletten vorzuliegen, ein Eindruck der sich in den unteren Lagen relativierte und aufhob.

Zwei Bestattungen sind hier hervorzuheben, da sie dem an dieser Stelle ältesten Begräbnishorizont zuzurechnen sind. Beide Skelette sind lediglich stratigraphisch zu datieren, das eine aufgrund der Überlagerung durch eine Grube mit ausschließlich hochmittelalterlicher Keramik, das andere durch die deutlich sichtbaren Grenzen der Grabgrube im Profilschnitt. Die Eintiefung der Bestattung wurde offensichtlich von einem Niveau aus vorgenommen, das in Verbindung mit der vermeintlich ottonischen Mauer zu stellen ist. Da beide Gräber keine datierenden Kleinfunde erbrachten, soll eine Radiocarbondatierung des Knochenmaterials hier Aufschluss über das tatsächliche Alter der Bestattungen geben.

In seiner südlichsten Ausdehnung reichte der größte Untersuchungsbereich dieser Grabungskampagne bis an die Gebäudezeile des Dekanats, Pfarrgasse Nr. 6. Die Einbeziehung dieser Fläche war zwar zunächst nicht geplant, ging dann jedoch über eine reine baubegleitende Beobachtung hinaus. Neben der zuvor bereits erwähnten Mauer in Lehmbindung trat hier eine gänzlich unerwartete, ca. 1,80m breite, vermörtelte zweischalige Mauer zutage, die sich in sanftem Schwung von Norden nach Westen erstreckte. Während das westliche Ende unter die Häuserzeile der Pfarrgasse zieht, liegt das nördliche Ende leider im Bereich der durch Versorgungsleitungen gestörten Straßenmitte, womit sich kaum ein Verhältnis zwischen den beiden Mauern herstellen lässt.

Das zwischen den Mauern angelegte Profil ergab einen wenigstens kurzfristig gleichzeitigen Bestand der Mauerzüge und die Deckschicht datiert den Mauerabbruch zweifelsfrei in die Zeit der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts bis um 1300.

Für die Interpretation einer derartig mächtigen Mauer, ohne Ecksituation in einem schwachen Bogen verlaufend, bieten sich zwei Möglichkeiten an. Es ist auffällig - soweit man dies bei diesem kurzen Ausschnitt sagen kann - , dass die Stadtumwehrung des späten Mittelalters dem Verlauf der ergrabenen Mauer nach außen versetzt folgt. Folglich läge die Ansprache als hochmittelalterlicher Vorläufer nahe.

Da die beiden dokumentierten Mauern zumindest zeitweise gleichzeitig bestanden haben, wäre es auch möglich, dass wir die Reste eines wehrhaften, mehrstöckigen Gebäudes vor uns haben, welches innerhalb eines ummauerten Areals stand. Gebäude mit unregelmäßigem Grundriss sind aus salischer und staufischer Zeit bekannt.

Leider hielten sich Möglichkeiten, zur Mauer gehörende Schichtanschlüsse zu erhalten, in engen Grenzen. Auf der vermeintlichen Außenseite bedingt durch Bebauung, auf der Innenseite unerreichbar durch zu schützende Alleebäume und bereits vorhandene Leitungen.

Zusammenfassung: Bei der Grabungskampagne um die Morizkirche zeigte sich einmal mehr, dass in der Archäologie nicht vorhersagbar ist, welche Erkenntnisse zutage gefördert werden. Was mit der fachgerechten Bergung spätmittelalterlicher Bestattungen und der Suche nach dem immer wieder in Indizien "durchschimmernden" frühmittelalterlichen Schichten und Gräbern begann, wurde zu einer erstaunlichen Aufdeckung massiver Baubefunde aus der frühesten bis jetzt erfassten Coburger Stadtgeschichte. Dabei ist das geborgene Lavarium der Vorgängerkirche von St. Moriz nicht minder interessant als die mächtigen Mauerzüge. Ihre Interpretation und genaue Einbindung in die schriftliche Überlieferung Coburgs muss Gegenstand einer weiteren Bearbeitung sein und kann an dieser Stelle nicht geleistet werden, doch sei der Versuch einer gedanklichen Zusammenführung gestattet.

Bei der Freilegung der Befunde entstand der Eindruck, als handele es sich bei der ältesten Mauer um eine Einfriedung nicht näher zu bestimmenden Besitzes aus dem 11. Jahrhundert. An diese Mauer schließt sich unwesentlich später ein früher Bering an, bzw. wird innerhalb ein zweifelsfrei repräsentatives Gebäude errichtet; und diese Siedlungsstrukturen bestehen mit- und nebeneinander. Als dann zwischen 1248 und 1265 der Burgberg an die Henneberger geht, zieht der Propst in die Siedlung Coburg, aus besitzrechtlichen Gründen auf Land, das ihm entweder bereits gehört bzw. er durch Tausch oder Ankauf erwirbt. Angesichts des Umzuges und des erhöhten Platzbedarfes werden nun am Ende des 13. Jahrhunderts beide Mauern eingelegt und ein gemeinsamer, größerer Mauerring um Coburg gezogen, die heute noch teilweise sichtbare Stadtmauer des 14. Jahrhunderts. In ebendiese Zeit fällt auch die Umgestaltung des Chores der Morizkirche und ihre wertvollen Quadersteineund Spolien werden genutzt um die neuen Propsteigebäude zu errichten.

Eine frühere Grabung in Coburg in der Pfarrgasse 5 liefert weitere Indizien für die Theorie, dass die frühere Befestigung im Bereich unter der Häuserzeile Pfarrgasse 1 bis 6 verlief. Im südlich gelegenen Hinterhof fehlten die älteren, d.h. hochmittelalterlichen Schichten fast gänzlich, was nicht verwundern kann, wenn man annimmt, dass man sich hier quasi im "Neubaugebiet" außerhalb befindet. So können auch fehlende Ergebnisse plötzlich ein Bild erweitern und jeder Bodeneingriff in diesem sensiblen Bereich der Coburger Altstadt das Wissen der frühen Stadtgeschichte erweitern.

Darüber hinaus konnte durch die Untersuchung nachgewiesen werden, dass die mutmaßlich frühmittelalterliche Besiedlung, für die immer wieder Indizien auftauchen, nicht im Bereich der Pfarrgasse gelegen hat, sondern wohl weiter westlich, möglicherweise westlich der Morizkirche gesucht werden muss.
 
 
  Literatur: